Die Herausforderung des Glaubens – was ist Pfingsten?

Salvador Dalì – Pfingsten – Aquarell

moMente eines Stadtschreibenden #2

Michael Mente

«Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht etwa an nichts, sondern an alles.» – Kürzlich habe ich dieses Zitat auf einer Facebook-Seite, einer der Märkte und Tummelplätze für Meinungen über das, was ein jeder für richtig hält, gefunden. Und es hat mich gerade auf Pfingsten hin nachdenklich gemacht.

Es klingt wie babylonische Verwirrung. Beängstigend. Gerade in der heutigen Zeit. Was gilt, woher kommt Halt? Was ist richtig? Was macht aus den vielen Tönen und Geräuschen ein Konzert?

Du fragst mich, was Pfingsten ist? Vermutlich gibt es dazu viele Antworten. Eine liegt in dieser Verwirrung und wie wir da rauskommen. Pfingsten ist die Geburtsstunde des Glaubens.

Ein Blick zurück und in die Bibel: Nach der Auferstehung Jesu lebten seine Jünger zurückgezogen in Jerusalem. Sie sind eine kleine Gemeinschaft. Was soll aus ihnen werden, nachdem Jesus nicht mehr unter ihnen weilt? Noch immer haben sie zu verdauen, was vor 10 Tagen geschehen ist: Jesus ist auferstanden; er hat Wort gehalten, aber doch war er nicht mehr zu fassen. Sie haben ihn gefragt, ob er nun wie versprochen das Reich wieder aufbauen würde. Der Himmel schien offenzustehen. Sehnsucht, Angst, Hoffnung – all das lag in der Luft. Ich kann dieses Sehnen und Drängen verstehen. Wir sind verletzlich, gerade wenn man sich nach Sicherheit sehnt. Schenk mir irgendetwas, das bleibt. Gilt das Wort, das Du mir gibst, auch morgen? Alles ist in der Schwebe. Sogar Jesus, so scheint es: Statt den Menschen den Himmel auf Erden zu geben, Fristen und Termine sind Gottes Sache, verabschiedet er sich und schwebt dem Himmel empor. Sie hören zwar, dass er noch sagt: «Ihr werdet aber Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist über euch kommt, und ihr werdet meine Zeugen sein … bis an die Enden der Erde (Apg 1,8).» Aber sie stehen fassungslos da und folgen ihm, solange sie können, mit ihren Blicken und suchen die Höhen im Nacken stehend ab. Bis sie Engel aus ihrer Lähmung erschrecken: «Was steht ihr da und schaut hinauf zum Himmel (Apg 1,11.)»?

10 Tage später. Die Juden feiern gerade das Fest Schawuot. Die Jünger Jesu sind in einem Haus versammelt. In dieser Mischung aus Hoffen, Sehnen und Bangen. Die weissgewandeten Männer sagten doch, Jesus werde wieder so kommen, wie sie ihn haben gehen sehen. Das klingt noch nach und wirft Fragen auf.
Heute ist Schawuot. Die Juden zeigen keinen Hauch von Verunsicherung. Die Mehrheit, siegreich aus den Ereignissen der letzten Tage zurückgeblieben, feiert. Es ist ein Erntedankfest. Das Fest ist aber auch die Erinnerung daran, dass Moses zum zweiten Mal die 10 Gebote erhalten hatte.

Moment, zum zweiten Mal? – Ja, beim erstmaligen Empfang hatte Moses damals die Steintafeln mit den Zehn Geboten wieder zerschmettert, weil das Volk Israel unterdessen damit begonnen hat, ein goldenes Kalb anzubeten. Es hatte die Geduld verloren. Moses musste also bei seiner Rückkehr feststellen: Die Menschen glaubten an alles, nur nicht mehr an Gott. Sie hatten ihren Ohrschmuck für ein lebloses Objekt geopfert, das letztlich alle weltlichen Begierden repräsentiert. Um die Geschichte abzukürzen: Beim zweiten Mal schenkten sie dann Moses Gehör und nahmen Gottes Gebote an; und das feiern die Juden an Schawuot. Sie feiern, was sie erhalten haben, in jedem Sinn, Ernte und Wort – denn, auch das steht in der Bibel: «Nicht nur vom Brot allein lebt der Mensch, sondern jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt (Matth 4,4).»

Doch diese Worte stammen von jenem Jesus, der gerade verschwunden ist. Er hatte sie damals dem Teufel entgegengeworfen, der ihn verführen wollte. Er zitiert den Urvers in 5Mos (8,3), wo es heisst, dass der Mensch vor allem von dem lebt, was auf Befehl des Herrn entstanden ist. Auf ein Wort! Der Mensch braucht das Wort Gottes als Wegweisung zum ewigen Leben.

Was ging also den Jüngern an diesem Tag durch den Kopf. Bestimmt assen auch sie, aber sie fragten sich wohl, ob Gott Wort halten würde. Bestimmt brachen sie Brot und tranken Wein, um sich an Jesus wie geheissen zu erinnern. Doch: Wo ist Jesus jetzt? Hat er nicht gesagt «wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen (Matth 18,20)»? Was tun sie mit dem, was ihre Ohren in den letzten Jahren in dieser so hoffnungsvollen Bewegung in der Gefolgschaft jenes Messias gehört haben? Was, wenn Stimmen, die anderes behaupten, lauter werden und Uneinigkeit unter ihnen zu brüten beginnt? Von wem erhalten sie Wegweisung in dieser Situation?

Gott hielt Wort. «Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen; es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten und jeden von ihnen liess sich eine nieder. Und sie wurden erfüllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab (Apg 2,1–4).»

Hier geschieht das Pfingstwunder. Der Heilige Geist wird ausgegossen und die Jünger wurden mit Sprachen ausgestattet, die sie für die Mission befähigten. Dass dies für Verwunderung bei Beobachtern führte, ist verständlich. Doch Petrus, wohl auch gerade wieder bestärkt durch dieses Ereignis, zerstreut die Unterstellungen, die Leute seien betrunken, aber redet von einer anderen Trunkenheit: Hier wurde der Heilige Geist ausgegossen. Gott hält einmal mehr Wort, hat er doch durch Joel ausrichten lassen, dass die letzten Tage kommen werden, an denen der Vater über alles Fleisch von seinem Geist ausgiessen werde (Apg 2,16 ff.). Petrus, ergriffen von diesem brausenden Feuer, entbrannte bestimmt vor Leidenschaft, als er sich an diese Prophezeiung erinnerte. Verflogen sind die Zweifel. Die Jünger strömen aus und reden in verschiedenen Sprachen. Kein Durcheinander, sondern alle von einem: von jener Wegweisung zum ewigen Leben.

Pfingsten ist also auch die Geburtsstunde der Mission. Und letztlich ist es damit der Geburtstag der Kirche. Durch den Heiligen Geist sind die Gläubigen unter sich (horizontal) und mit Gott (vertikal) verbunden. Zeichne es nach! Im Zeichen des Kreuzes. Jesus ist mitten unter uns. Der Heilige Geist ist ein alter Bekannter, der in der Bibel immer wieder auftaucht. Der «creator spiritus» (der Schöpfergeist), wie er in einem alten Pfingst-Hymnus heisst, ist hebräisch «ruach», griechisch «pneuma»: Er ist Wind, Atem, Kraft, man wird seiner nicht habhaft, nicht mit unserem so geliebten Verstand. Der Heilige Geist ist Leben, aber auch Zeichen für Sprache und Denken – und das findet im Hebräischen eben nicht im Kopf, sondern im Herzen statt. Der Geist weht, wo er will, aber er tritt ein, wenn das Herz geöffnet ist und hört.

Warum aber fällt es uns heute so schwer, dieses Angebot anzunehmen? Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, der auch Jesus und Heiliger Geist in einem ist. Aber sie glauben an alles. Verwirrung. Jeder weiss es besser und möchte nach seiner Façon glücklich werden. Individualität ist schön und gut; Gott hat jeden von uns bei seinem Namen gerufen und doch jeden einzelnen nach seinem Bild geschaffen. Das verbindet uns. Aber wir verkehren es und machen uns selbst zu Gott. Unser Name verschmilzt mit allen anderen in einem goldenen Kalb, wir hören auf uns selbst; Individualismus ist der Vorbote des Egoismus und der menschlichen Überheblichkeit. Wir verstehen uns untereinander nicht mehr, weil wir gottgleich sein wollen. Chaos und Zerstreuung ist das Resultat.

Wie damals, als der Turm zu Babel gebaut werden sollte. Dieser blieb unvollendet, Gott straft mit Sprachverwirrung und zerstreut die Menschen auf der Erde. Nicht als chronologisch-historische Erklärung dafür gedacht, warum es auf der Welt so viele Sprachen gibt, sondern als Mahnung daran, dass wir uns nicht mehr verstehen. Weil wir die Wegweisung so fahrlässig in den Wind schlagen, die uns vereinen würde.

Das Pfingstwunder, auch wenn hier von verschiedenen Sprachen die Rede ist, ist die Gegengeschichte zu Babel. Ein Wunder der Verständigung, der Einheit trotz Vielfalt. Hier wird Kirche geboren, von der man heute so wenig hören will, aber es geht um die lebendige Beziehung der Menschen untereinander und mit Jesus. Der Heilige Geist ist der Link zwischen Gott, seinem Sohn Jesus und uns.

Damit ist Babel aber nicht zerstört. Glaube ist Zumutung und Herausforderung angesichts dessen, was ausserhalb unserer Gemeinschaft täglich gefeiert und errichtet wird. Babel ist überall da, wo Sprache versagt. Es ist überall da, wo Sprache nicht der Verständigung dient, sondern Verwirrung stiftet. Wenn man in dem Wirrwarr nicht mehr weiss, auf wen man hören, woran man glauben soll. Doch wir haben Hilfe! «Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2Tim 1,7).»

Pfingsten ist ein eingelöstes Versprechen und spricht ein neues aus: Nähern wir uns Gott mit Hilfe des Heiligen Geistes und nicht mit dem Ego des heiligen Verstandes, der Türme baut, so nähert er sich uns. Wollen wir uns überheben, stürzt der Turm eben ein. Man kann den Geist nicht mit Taten herbeizwingen. Er weht, wo er will, aber er ist bereit. Er ist ein Geschenk, das wir annehmen dürfen. Keineswegs soll dies blind und ungeprüft geschehen; Jesus hat nie gesagt, wir sollen einfach so alles, aber an ihn glauben. Lassen aber auch wir uns immer wieder prüfen, direkt dort, wo alles beginnt: «Erforsche mich Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken (Ps 139,23).»

Der Geist ist ebenso leidenschaftlich wie geduldig. Die Frage ist, ob wir das genauso sind. Brennen wir für die Botschaft Gottes und das gleichzeitig in Geduld? Möge uns der Heilige Geist dazu die Kraft geben!

Die Bibel-Zitate gemäss «Zürcher Bibel», Übersetzung 2007 (2019), © Theologischer Verlag Zürich. Die Bibel ist auch online lesbar: https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/ZB/GEN.1/Genesis-1

Abkürzungen: Apg = Apostelgeschichte, Matt = Matthäus, 5Mos = 5. Buch Mose (Deuteronomium), Ps = Psalmen, 2Tim = Zweiter Timotheus

michael mente weinfelden wyfelder thurgau

Michael Mente – ist Historiker, Archivar, Autor verschiedener Bücher und Beiträge und arbeitet derzeit in der Denkmalpflege des Kantons Thurgau. Er ist in Weinfelden aufgewachsen und schreibt für den Wyfelder seit Start. In der Reihe «Fundstücke aus der Weinfelder Geschichte und Kultur» erzählt er uns zudem in loser Reihenfolge durch «sein» Weinfelden spazierend von unserem Städtchen und teilt Gedanken in der Stadtschreiber-Kolumne «moMente».

Beitragsbild: Tobias Faix

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2 Kommentare zu „Die Herausforderung des Glaubens – was ist Pfingsten?“

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